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Über unsere Kundin Eva Springmann und ihre Familie erschien folgender Artikel in der Karlsruher Ausgabe der Badischen Neuesten Nachrichten.

Der Bericht kann auch » hier als PDF heruntergeladen werden.

» Brisant und Report Mainz sowie die » Landesschau Baden-Württemberg konnten über diesen Bericht auf die Familie Aufmerksam gemacht werden.

Badische Neueste Nachrichten | 14. Juli 2016


„Eine barrierefreie Wohnung wäre ein guter Anfang“

Seit vier Jahren kämpft die 40 Jahre alte Karlsruherin Eva Springmann um die Anerkennung ihrer Blindheit

Von unserem Redaktionsmitglied Patrizia Kaluzny

Spontan durch die Stadt bummeln, ein Familienausflug in den Zoo, sich mit einer Freundin in einem Café treffen oder mal schnell ein Rezept beim Arzt abholen – was für die meisten eine Selbstverständlichkeit ist, stellt Eva Springmann vor große Herausforderungen. Die 40-Jährige leidet an einer Sehbehinderung. „Wenn ich eine Strecke gut kenne, ist es kein Problem. Aber außerhalb meines vertrauten Umfelds in der Südstadt fällt mir die Orientierung sehr schwer“, sagt die Mutter einer zwei Jahre alten Tochter. Ohne Begleitung gehe es dann nicht.

 Auf einem Sofa sitzten Eva Springmann, auf ihrem Schoß die Tochter Talishia, rechts daneben Jörg Boss.

KLEINE, GLÜCKLICHE FAMILIE wollen Eva Springmann, Jörg Boos und ihre zwei Jahre alte Tochter Talishia sein. Den Alltag zu meistern, stellt sie aber vor große Herausforderungen.

Das war nicht immer so. Die Modedesignerin und Ingenieurin für Bekleidungstechnik, die zuletzt am Berufskolleg für Mode und Design in Bruchsal unterrichtete und kurz vor der Verbeamtung stand, genoss ihr Leben. Tolle Jobs, Reisen, ein unbeschwertes Leben … Bis zu jenen verhängnisvollen Tagen im Januar 2012. Sie erkrankt am Noro-Virus. Geplagt von heftigen Symptomen, ruft sie abends und in der Nacht mehrfach den Notdienst. „Ich wurde vertröstet, man sagte mir, es gebe andere gravierende Notfälle“, erinnert sie sich. Als der Notarzt schließlich kommt, verabreicht er ihr eine Spritze und sie legt sich schlafen. „Als ich wieder aufwachte, war mein linker Unterarm taub“, erinnert sie sich. Dann merkt sie, wie auch das Gefühl aus ihrer Hand verschwindet, ein Finger nach dem anderen wird taub. Sie kommt in die Klinik, die Ärzte vermuten ein Blutgerinnsel im Oberarm. Rasch wird sie in den OP-Saal gebracht. Als sie aufwacht, ist ihr Sehvermögen stark eingeschränkt. „Man sagte mir, dass es an der Narkose und den Nebenwirkungen liegt und dass es besser wird.“ Als sich auch am nächsten Tag nichts ändert, drängen Eva Springmann und ihre Eltern auf eine neurologische Untersuchung. Eine Ärztin ordnet schließlich eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Kopfes an. Die Diagnose ist für die damals 36-Jährige und die Familie ein Schock: Sie hat mehrere Schlaganfälle erlitten.

Als ob das nicht genug Leid wäre, beginnt für die junge Frau mit diesem Schicksalsschlag auch ein Kampf mit Medizinern, mit Krankenkassen, mit Behörden und der Bürokratie, der bis heute andauert und sie immer wieder psychisch „an den Rand des Erträglichen“ bringt, wie sie unter Tränen gesteht. Seit mehr als vier Jahren kämpft sie inzwischen um die Anerkennung ihrer Blindheit. „Weil diese Art von Blindheit, wie ich sie habe, nicht im Katalog des Versorgungsamtes steht, erhalte ich keinen Behindertenstatus als Blinde, nicht einmal als sehbehindert werde ich eingestuft“, sagt Eva Springmann. Das Problem: Ihre Augen sind gesund, das haben Augenärzte mehrfach attestiert. „Es ist das Sehzentrum im Gehirn, das beeinträchtigt ist. Faktisch sehe ich Bilder, kann sie aber nicht verarbeiten“, erklärt sie. Doch ein Neurologe werde in dem Begutachtungsschema nicht aufgeführt. Sogar ein entsprechendes Gutachten einer Spezialabteilung der Tübinger Uniklinik werde ignoriert. „Dabei weiß doch jedes Kind, dass auch das Gehirn am Sehen beteiligt ist.“ Stattdessen wird die Karlsruherin mit dem Vorwurf konfrontiert, eine Simulantin zu sein. „Die Augenärzte sehen nichts und finden nichts, also hab’ ich auch nichts. Ich würde mir das nur einbilden und schauspielern, heißt es“, sagt sie kopfschüttelnd.

Ohne Behindertenstatus kein Behindertenausweis und damit auch keine Förderung und Hilfen, die der Frau zustehen würden. Auch sonst läuft für sie mit Behörden nicht alles rund. Mal ist ein Bescheid fehlerhaft, mal fehlt er ganz, mal wurde ein Haken aus Versehen an der falschen Stelle gesetzt, mal gar nicht. Die Folgen muss sie ausbaden: dass kein Geld überwiesen wird oder Mahnungen kommen, die nicht nachvollziehbar sind. Mit alldem umzugehen, fällt Eva Springmann nicht leicht. Kraft für den oft strapaziösen Alltag schöpft sie in ihrer kleinen Familie. Ihren Partner Jörg Boos lernte sie in der Rehabilitation kennen, im Oktober 2013 kam die gemeinsame Tochter Talishia Lisette zur Welt. Während die Zweijährige putzmunter und gesund ist, sitzt Jörg Boos inzwischen nach mehreren Gehirnblutungen im Rollstuhl. Er hat Pflegestufe zwei. Der 46-Jährige leidet unter anderem an Epilepsie und an Amyloidangiopathie, Die Gefäßschwäche lässt die Gefäße einfach platzen. „Die Blutungen, die beispielsweise durch Anstrengung oder Stress ausgelöst werden, können plötzlich auftreten. Deshalb kann Jörg auch nicht allein zu Hause bleiben“, schildert seine Lebensgefährtin die Situation. Sein Seh- und Sprachvermögen ist inzwischen ebenfalls stark eingeschränkt. „Die meiste Zeit verbringen wir in der Wohnung, wie gefesselt“, sagt Eva Springmann resigniert. Mit dem Leihrollstuhl kommt ihr Partner nur mit Hilfe zweier Helfer nach draußen. Obwohl sich die Altbauwohnung im Parterre befindet, gilt es mehrere Stufen zu überwinden. „Der elektrische Rollstuhl mit einer Möglichkeit, diese Barriere zu überwinden, wird bislang von der Krankenkasse abgelehnt“, berichtet die 40-Jährige frustriert. Grundsätzlich werde erst mal alles abgelehnt – Rollstuhl, Fußpflege, „die ein gelähmter und blinder Mensch nicht machen kann“, oder Therapien. „Auch die Wohnung ist nicht barrierefrei und völlig ungeeignet für uns.“ Doch wie eine bezahlbare, passende Wohnung finden? „Auf Immobilienseiten im Internet schauen – das funktioniert nicht.“

Zumindest eine kleine Hürde hat die 40-Jährige nun gemeistert. Nach vier Jahren zähem Ringen stimmte die Rentenversicherung einer beruflichen Rehabilitation zu. Seit November absolviert die Bekleidungstechnikerin eine blindtechnische Grundausbildung, unterstützt vom Informatiker und Trainer für Blinde und Sehbehinderte, Fabian Ruf. Ihr Ziel: Sie möchte wieder als Lehrerin für Mode und Design arbeiten und „nicht jeden Monat Existenzängste ausstehen“. Derzeit blieben ihnen nach Abzug aller Kosten 300 Euro zum Leben. Während Eva Springmann am Esstisch im Wohnzimmer ihre Geschichte erzählt, erlebt sie ein Wechselbad der Gefühle. Mal spricht sie ruhig und sachlich, mal wütend, dann wieder versagt ihre Stimme und sie kann die Tränen nicht zurückhalten. Mit brüchiger Stimme sagt sie: „Das ist alles einfach schwer auszuhalten. Die Grenze des Verkraftbaren ist erreicht.“ Doch zum Glück gibt es da noch das kleine fröhliche Mädchen. Möchte Talishia ihrer Mutter etwas zeigen legt sie, es ihr in die Hand und sagt wie selbstverständlich: „Schau mal, Mami!“ Eva Springmann lächelt: „Talishia ist unser Lebenselixier.“

Als Reaktion auf diesen Bericht erschien ein Leserbrief in der gleichen Zeitung:

Badische Neueste Nachrichten | 14. Juli 2016


Vergebliche Suche

Zum Artikel „Eine barrierefreie Wohnung wäre ein Anfang“:

Es macht mich wütend, dass Menschen in Karlsruhe immer wieder ähnlich aussichtslose Situationen durchleben müssen, wenn sie einen Schicksalsschlag erleiden und auf die Hilfe der zuständigen Behörden angewiesen sind.

Wie kommt es, dass eine in den 60er Jahren eigens für den sozialen Wohnungsbau eingerichtete Behörde wie die Volkswohnung, innerhalb von vier Jahren, dieser Familie keine rollstuhlgerechten Wohnung beschaffen, umbauen oder erstellen kann?

Zitat aus einem Zeitungsartikel in den BNN vom 29. Januar 1997: „Herr X (Name bekannt) vom Sozialdezernat hielt es beim besten Willen für nicht vorstellbar, dass ein Rollstuhlfahrer über viele Jahre in Karlsruhe keine geeignete Wohnung bekommt.“ Ein Vertreter der Volkswohnung schwärmte: „Bei jedem Neubauprojekt versuchen wir rollstuhlgerechte Wohnungen einzubauen." Außerdem ist ein Wohnungsumbau für Rollstuhlfahrer noch nie an den Investitionskosten gescheitert.“ Es folgten Statistiken, die belegen, dass Bemühungen allein nicht ausreichen.

Wir wurden unter anderem mit solchen Aussagen konfrontiert, als wir uns nach zehnjähriger, vergeblicher Suche nach einer rollstuhlgerechten Wohnung in einem BNN-Artikel an die Öffentlichkeit wandten. Hilfe bekamen wir von einem Makler und einem Bauunternehmer aus dem Umland von Karlsruhe, wo wir seit 2000 mit Rampe zur Haustür, ebenerdigem Aufzug und genügend Bewegungsfläche für den E-Rollstuhl, das bisschen Lebensqualität gefunden haben, das wir bei unserer schwierigen Alltagsbewältigung dringend benötigen. Ich wünsche der Familie schnellen Erfolg bei der Suche und - geben Sie nicht auf.

Bernadette Stolz-Hoyer

Letzte Aktualisierung 8. Dez 2017  |   © 2017 Ruf-Dienst   |   Design Ruf-Dienst